Blicken wir 130 Jahre, ins Jahr 1877 zurück.. Wien war damals Reichshauptstadt. Die Ringstraße mit all ihren Bauten war gerade über 10 Jahre alt. Wien war europäische Metropole mit einem ausgeprägten urbanen Leben, völlig anders als heute – es gab keine Automobile oder Flugzeuge nur Pferde-Tramways, keine elektrische Beleuchtung.
Es war so anders und trotzdem: Betrachtet man alte Ansichtskarten oder Bilder des damaligen Wiens, so haben sich manche Straßenzüge überhaupt nicht verändert. Es ist schon erstaunlich, welche Beständigkeit städtische Infrastrukturen haben.
Die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen haben sich seit damals durch den beiden Weltkriege mehrmals völlig verändert.
Nach der Ostöffnung und vor allem durch den Beitritt aller östlichen Nachbarländer Österreichs zur EU wuchs der alte große Wirtschaftsraum der k u. k. Monarchie wieder zusammen und hat Wien mit seiner idealen geografischen Lage wie von selbst in den Mittelpunkt des Donauraums gerückt. Wien hat die Chance, wie vor 130 Jahren, die zentrale urbane Infrastruktur dieses Raumes zu werden.
Diese starke Beständigkeit solcher urbaner Strukturen zeigt ihren ausgeprägten systemischen Charakter. Die Menschen, Organisationen und Unternehmen, die in diesen Strukturen in komplexer Wechselwirkung zueinander leben und arbeiten sind das Wesen dieses Systems.
Trotzdem scheint der systemische Charakter städtischer Strukturen kein Thema gerade für die Entwickler großer spektakulärer Immobilienprojekte zu sein. Aus ihren Projektpräsentationen gewinnt man den Eindruck, dass sie sich „autistisch“ mit ihren Projekten beschäftigen und den umgebenden Infrastrukturen außer dem schemenhaften Abbilden der Umrisse der Nachbargebäude keine Beachtung schenken.
Schon Dietrich Dörner schrieb 1994 in seinem Buch „Logik des Mißlingens“ diesen autoritären Gestaltungswillen als einen großen Fehler im Umgang mit komplexen Systemen:
Je spektakulärer und je singuläre eine Immobilie ist, je weniger sie sich an ihre umgebende Infrastruktur anpasst, umso größer ist der systemische Widerstand dieser Infrastruktur gegen sie. Auch wenn sie Nahversorgungs- und Gastronomieeinrichrungen in sich trägt, kann sie nicht für sich selbst existieren, sondern ist auf das Ein- und Auspendeln der Gebäudenutzer angewiesen.
Nur die umgebende Infrastruktur ist ihr wirklicher Nährboden. Passt sie nicht ins System, ist sie nicht „gut einge¬pflanzt“, kann sie sich nicht richtig entwickeln, hat eine verkürzte Lebensdauer und trägt ein hohes Risiko des Schei¬terns in sich.
Die Entscheidung, welches Projekt integriert wird und welches scheitert, entscheidet dann das System. Die Stadt hat immer recht – und eine große Zukunft als europäische Hauptstadt mit wachsender überregionaler Bedeutung.
Kommentare
Der Nagel auf dem Kopf
2009-06-10 17:10:34, Lumpi
Vielen Dank für diesen Blog - ich stimme Ihnen zu 100 % zu. Diese Unart der fehlenden Ensemblewirkung vieler Gebäude ist oft wirklich verheerend!
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